Ich liege in meinem Bett, starre die Decke über mir an. Schon einen Monat meines Lebens verbringe ich in diesem Zimmer. Ich kenne es mittlerweile in- und auswendig. Direkt neben mir befindet sich die Tür, durch die ab und zu eine Krankenschwester kommt, um nach dem Rechten zu sehen. Sie bringt mir meine täglichen Mahlzeiten, unterhält sich manchmal kurz mit mir und geht dann wieder. Sie bleibt selten lang. Ich kann sie verstehen. Wäre ich sie, würde ich in einem trostlosen Zimmer wie diesem auch nicht lange bleiben. Nicht ein einziges Bild hängt an der Wand. Alles ist in Weiß gehalten: Die Bettwäsche, die Wände, die Tür, das Bett. Nur mein Schrank und das Nachttischchen sind aus braunem Holz. An der gegenüberliegenden Wand befindet sich ein Fenster. Wenn bei schönem Wetter Sonnenstrahlen in das Zimmer fallen, wirkt es fast sogar gemütlich. Aber eben nur fast. Bei schlechtem Wetter hingegen, wirkt das Zimmer noch trostloser, als es sowieso schon ist. Direkt vor dem Fenster steht noch ein zweites Bett, in dem mein Zimmergenosse liegt. Wir beide teilen das gleiche Schicksal. Wir beide wissen, dass unsere Chancen, jemals wieder etwas anderes als dieses Zimmer zu sehen, sehr gering sind. Anfangs kam einmal die Woche eine Psychologin. Hat versucht, uns die Angst vor dem Tod zu nehmen, uns zu beruhigen, zu besänftigen. Wir sind beide nicht wirklich auf sie eingegangen, irgendwann hat sie aufgegeben. Warum sollten wir uns auch groß über die Situation aufregen? Wir können sowieso nichts dagegen tun. Trotzdem beneide ich meinen Zimmergenossen. Er ist wenigstens nicht komplett abgeschnitten von der Außenwelt so wie ich. Er kann mehr sehen, als nur dieses kleine trostlose Zimmer und ab und zu die Krankenschwester. Durch das Fenster kann er sehen, was draußen vor sich geht. Er wird sehen, wie sich das Laub der Blätter im Herbst rot und gelb färbt, bis es schließlich abfällt. Er wird sehen, wie schließlich alles von Schnee bedeckt sein wird. Und wie dann im Frühling alles wieder grün wird. Wie die ersten Blumen wachsen. Er kann Menschen sehen. Männer, die zur Arbeit hetzen. Frauen, die mit ihren Kindern einen Spaziergang machen. Wie gerne würde ich das alles noch einmal sehen können. Ich beneide ihn darum, dass er es kann. Ich wünsche mir nichts mehr, als das Bett am Fenster zu bekommen. Noch einmal all die alltäglichen Dinge sehen, die draußen vor sich gehen. Mehr will ich gar nicht. Mein Zimmergenosse scheint sich ein wenig schuldig dafür zu fühlen. Er versucht, mich wenigstens ein bisschen an der Außenwelt teil haben zu lassen. Den ganzen Tag lang erzählt er mir, was draußen vor sich geht. Anscheinend sieht man von unserem Zimmer aus einen Park, der direkt an einer vielbefahrenen Straße liegt. Frühmorgens laufen vor allem wichtigtuende Geschäftsmänner mit Aktentaschen durch den Park, um zu ihrer Arbeit zu kommen. Etwas später sieht man die ersten Mütter mit Kinderwägen, vereinzelt auch ein paar Jogger. Gegen Mittag tauchen dann wieder die Geschäftsmänner auf, die ihre Pause im Park verbringen. Danach ist es, so erzählt mir mein Zimmergenosse, immer recht ruhig. Gegen Nachmittag wird der Park dann wieder belebter. Kinder spielen auf den Wiesen Ball, Sportler sind unterwegs und auch die Geschäftsmänner machen sich wieder auf den Weg nach Hause. Schließlich gegen Abend wird es still. Nur ein alter Mann kommt jeden Abend und sitzt dann stundenlang auf einer Parkbank. Wie gerne würde ich das alles selbst sehen. Wie gerne wäre ich an seiner Stelle. Eines Nachts wache ich auf. Höre meinen Zimmergenossen keuchen. Er bekommt keine Luft. Der Notfallknopf, schießt es mir durch den Kopf, ich muss den Notfallknopf drücken, damit eine Krankenschwester kommt und ihm hilft. Ich schaue mich um. Finde ihn nicht gleich. Dann sehe ich ihn. Mondlicht fällt durch das Fenster direkt auf den Knopf. Meine Hand ist schon direkt darüber. Dann stocke ich. Denke nach. Blicke zum Fenster. Ich weiß, dass mein Zimmergenosse nicht mehr lange zu leben hat. Vielleicht noch ein paar Wochen, vielleicht sogar noch Monate. Vielleicht aber auch nur noch ein paar Tage. Wäre er nicht mehr da, könnte ich endlich das Bett am Fenster bekommen. Ich könnte nächtelang in den Himmel starren und die Sterne anschauen. Und ich könnte den ganzen Tag die Menschen im Park beobachten. Mit eigenen Augen. Mein Entschluss ist gefallen. Ich ziehe meine Hand zurück. Drehe mich auf die Seite. Weg von meinem Zimmergenossen. Mit der Zeit wird das keuchen leiser, bis es ganz aufhört. Als ich am nächsten Morgen aufwache, liegt mein Zimmergenosse ganz ruhig da. Ich drücke auf den Notfallknopf. Eine Krankenschwester kommt herein. Sie sieht ihn, schaut mich mit einem mitleidsvollen Blick an und geht dann wieder. Schließlich kommt erst der Arzt, dann einige Krankenschwestern. Ich sehe zu, wie sie ihn hinaustragen. Das Bett wird desinfiziert und neu überzogen. Schließlich kommt meine altbekannte Krankenschwester. Sie spricht mir ihren Trost aus, ich kann nur an das Bett am Fenster denken. Vorsichtig frage ich, ob nicht ich jetzt in dieses Bett wechseln könnte. Sie hat nichts dagegen. Räumt sogar noch meine paar Habseligkeiten in den Schrank auf der anderen Seite des Zimmers. Schließlich hilft sie mir durch den Raum. Ein Glücksgefühl geht durch meinen ganzen Körper. Endlich habe ich, was ich haben wollte. Mein Blick wandert zum Fenster. Erwartungsvoll und voller Spannung blicke ich durch das Fenster. Und blicke gegen eine graue Mauer.
Sie waren gefangen zwischen zwei Welten. Sie existierte, lebte aber nicht mehr. Er existierte nicht mehr, lebte aber trotzdem weiter. Durch ihre Herzen für immer verbunden, warteten sie nur darauf, endlich wieder beisammen sein zu können. Sich in die Arme schließen zu können und nie wieder los zu lassen.
Der Regen prassel auf die Straße. Wasser fließt die Straße hinab. Sammelt sich in den Furchen des Bodens. Tropft von den Dächern, von den Bäumen. Wird vom Wind verweht
Spüre noch die warme Straße unter den nackten Füßen. Ganz warm ist sie. Strecke die Arme aus, fühle, wie der Regen mich von oben kühlt. Ganz warm läuft er über meine Wangen, tropft von meinen Haaren. Ich atme tief ein. Atme den Geruch des Regens ein. Es riecht nach Sommer, nach Wärme, nach Glück. Alles ist so frisch, aller Dreck der letzten Tage ist wie fortgespült.
Ein Vogel stimmt vorsichtig sein Lied an, wird mit der Zeit immer lauter, immer kräftiger. Nach und nach stimmen immer mehr Vögel mit ein, bis meine ganze Umgebung erfüllt davon ist. Setze mich auf die Straße und lausche dem kleinen Konzert. Sommer, Wärme, Glück.
Dann lässt der Regen nach, wird immer schwächer. Der Wind weht die Wolken beiseite, die Sonne kommt zum Vorschein. Der erste Sonnenstrahl kitzelt meine Nase, wärmt mein Gesicht. Ganz vereinzelt fallen noch Regentropfen vom Himmel. Ich drehe mich um. Ob wohl ein Regenbogen zu sehen ist? Tatsächlich. Bunt erstrahlt er am Himmel. Blau. Grün. Gelb. Orange. Rot.
Sehe zu, wie er langsam verblasst, bis er schließlich ganz verschwindet. Und mit ihm der Regen. Was von ihm bleibt, ist nur der Geruch. Nach Sommer, Wärme, Glück.
Ich nehme meinen Füller in die Hand. Setze ihn auf das Papier. Es ist die letzte Seite in diesem Buch. Die letzte Seite, die ich nun noch mit Worten füllen möchte. Denn ich werde kein neues Buch anfangen. Zumindest keines über uns. Ich möchte dem ganzen noch einen Abschluss geben. Die vorherigen Worte nicht einfach in der Leere stehen lassen. Ich beginne zu schreiben. Lege noch einmal all meine Gefühle in die Worte. All meine Gedanken. Lasse alles los, was mich noch beschäftigt hat. Lasse dich los. Schritt für Schritt.
Schon von Weitem sah ich sie auf der Bank sitzen. Den Blick in die Ferne gerichtet. Gedankenverloren. Ich kam näher, wollte nicht ihre Gedankengänge stören. Sie schien mich nicht zu hören. Erst als ich kurz vor ihr stand, schaute sie kurz auf, schenkte mir ein trauriges Lächeln und senkte ihren Blick dann auf den Boden. Ich setzte mich neben sie. Ein wenig Platz zwischen uns. “Du wartest immernoch auf ihn, stimmt’s?”, fragte ich sie leise. Sie blickte mich mit leeren Augen an. “Er wird nicht wiederkommen, oder?”, wollte sie wissen. Ich rückte ein Stück näher an sie heran, legte den Arm um sie. “Vermutlich nicht”, antwortete ich ihr.
„Aufstehen, Momo, es wird langsam wirklich Zeit. Willst du gleich am ersten Tag zu spät kommen?“ Der Ruf meiner Mutter tönt durch das Haus. Obwohl sie ziemlich zierlich ist, hat sie ein relativ lautes Sprechorgan, von dem ich all morgendlich geweckt werde. Ich werfe einen Blick auf meinen Wecker: 6:25, tatsächlich, wenn ich nicht bald aufstehe, wird es wirklich knapp. Ich bin es nicht gewohnt, so früh aufzustehen. Meine alte Schule war nur fünf Minuten von meinem Zuhause entfernt. Ich konnte also bequem kurz vor Schulbeginn aufstehen, mir irgendetwas überwerfen und mich auf den Weg machen. Hier ist das nicht möglich. Wegen der Arbeit meiner Mutter waren wir von Frankfurt nach Meilingen umgezogen. Ich war nun vom Stadtkind zum Landkind geworden, was mir ja prinzipiell nicht missfiel. Ich war sowieso schon immer recht gerne draußen und war auch in Frankfurt oft im nahe gelegenen Park unterwegs gewesen. Meilingen liegt allerdings einige Kilometer von Füssen entfernt, wo das Gymnasium, in das ich ab heute gehen werde, liegt. Ich bin also auf den Bus angewiesen, der schon um kurz nach sieben Uhr morgens losfährt. Ich stehe auf und ziehe mir die zurechtgelegten Klamotten an, eine Jeans, ein T-Shirt und meinen Lieblingspulli. Anschließend gehe ich die Treppe nach unten in die Küche. Meine Mutter hat mir bereits einen Cappuccino gemacht und mir mein Pausenbrot hingestellt. Ich setze mich an den Tisch und frühstücke gemütlich. Danach gehe ich ins Bad, putze meine Zähne und kämme mir noch schnell die Haare. Langsam wird es wirklich Zeit, zur Bushaltestelle zu laufen. Ich schnappe mir meinen Büchertasche, werfe noch meine Brotdose hinein und geh dann zur Haustür hinaus. Als ich um die Kurve biege, sehe ich bereits den Bus in der Ferne. Es war so klar, dass ich gleich am ersten Tag zur Haltestelle rennen werde. Während die letzten Personen einsteigen, komme ich laut schnaufend an. Ich klettere in den Bus und wühle schon einmal in meiner Tasche nach meiner Fahrkarte. Verdammt, wo habe ich die denn jetzt hin? Ich merke, wie der Busfahrer mich von der Seite anschaut. „Na, wird es heute noch was? Ich kann hier auch nicht ewig stehen.“ Ich blicke auf und lächele ihn entschuldigend an. „Tut mir leid, ich hab’s gleich.“ Ah, da ist sie ja, ich ziehe meine Fahrkarte zwischen meinen Heften heraus und halte sie dem Busfahrer vor die Nase. Er nickt und ich darf durchgehen. Ich lasse mich auf den erstbesten freien Platz fallen und atme erst einmal durch.
Eine Weile fahren wir über das Land vorbei an Kuhweiden und Dörfern mit lauter Fachwerkhäusern und Bauernhöfen. Anscheinend dient dieser Bus dazu, sämtliche Leute aus den umliegenden Dörfern einzusammeln und in die Stadt zu bringen. Immer mehr Menschen, vor allem Jugendliche in meinem Alter, steigen ein und begrüßen sich lautstark. Ich merke, wie ich kritisch von der Seite angeschaut werde. Hier fällt es bestimmt sofort auf, wenn jemand Neues da ist. Es ist eben nicht wie in der Stadt, wo man froh sein konnte, wenn man die Namen seiner Nachbarn wusste. Hier kennt jeder jeden und Fremde fallen sofort auf. Ich bin froh, dass der Bus noch fast leer war, als ich eingestiegen bin. Ich glaube, ich hätte es nicht fertig gebracht, mich neben jemanden zu setzen, aber anscheinend geht es den anderen ebenso. Der Platz neben mir ist immer noch leer, obwohl mittlerweile schon die ersten Leute stehen müssen. Ich bin ja mal gespannt, wie das jetzt in der neuen Klasse wird. Hoffentlich werde ich gut aufgenommen.
„Darf ich mich zu dir setzen?“ Eine männliche Stimme schreckt mich aus meinen Gedanken. Ich blicke kurz auf. „Ja, klar“, antworte ich. „Du bist neu hier oder? Ich bin Finn und wer bist du?“, fragt mich der Junge. Ich schaue ihn von der Seite an. Grüne Augen funkeln mir aus einem sommersprossigen Gesicht entgegen. „Ich heiße Momo“, gebe ich ihm Auskunft. „Momo“, wiederholt er leise. Sein Gesichtsausdruck verliert plötzlich an Fröhlichkeit. Er wendet sich von mir ab und steckt sich die Ohrenstöpsel seines iPods in die Ohren. Was war das denn jetzt gerade? Habe ich irgendetwas Falsches gesagt? Ich betrachte ihn noch einmal genauer. Wie alt er wohl ist? Er müsste ungefähr mein Jahrgang sein. Wahrscheinlich 17 Jahre alt, vielleicht sogar schon 18. Wenn er auf dieselbe Schule wie ich geht, müsste er auf jeden Fall in meiner Jahrgangsstufe sein, schließlich wird dieses Jahr mein letztes sein und jünger als ich ist er ganz bestimmt nicht.
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So wirklich zufrieden bin ich damit noch nicht, aber es ist schonmal ein Anfang.
Bei den meisten war sie nur als „die Träumerin“ bekannt. Sie war oft abwesend. Starrte minutenlang in die Luft und war weg. Weit weg. Es war, als ob sie in ihrer eigenen kleinen Welt wohnen würde, auf die keiner wirklich Zugriff hatte. Sie ließ nur selten heraus, was in ihrem Kopf vor sich ging, doch wenn sie es tat, waren sofort alle Blicke auf sie gerichtet. Sie hatte eine Stimme, die man nicht überhören konnte. Nicht weil sie besonders laut oder auffällig wäre, das nicht, aber sie hatte einen Klang, fast, als wäre sie nicht von dieser Welt.